„Was ist Kunst für dich?“ Diese Frage habe ich in den letzten Wochen sechs mal gestellt und immer wurde sie anders beantwortet. Aber was ist Kunst für jemanden, der sie erschafft und im wahrsten Sinne des Wortes von ihr lebt. Was ist Kunst für einen richtigen Künstler wie Elmar Hermann?
Es dat Kunst? (EdK?): Sag uns in etwa 30 Worten wer du bist.
Elmar Hermann (EH): Guten Tag, meine Name ist Elmar Hermann und ich interessiere mich für Zeichen, dafür wie Menschen Bilder und Wörter benutzen, um sich untereinander auszutauschen, Witze zu machen, sich gegenseitig zu erschrecken etc.

EdK?: Wie bist du zur Kunst gekommen?
EH: Ich habe schon immer gern gezeichnet. Mich fasziniert es immer noch, wie aus einfachen Linien etwas Neues, komplett Eigenständiges entstehen kann.
EdK?: Hast du schon immer in der Kunst gearbeitet oder hattest du auch andere Jobs?
EH: Ich kann noch nicht so lange von meiner Kunst leben, vorher hatte ich immer irgendwelche Jobs. Meist im vermittelnden Bereich. Ich war z.B. längere Zeit Sprachlehrer, weil ich auch Linguistik studiert habe. Heute unterrichte ich Studierende an Kunsthochschulen.
EdK?: Haben dir deine Eltern nie gesagt, du sollst etwas „richtiges“ machen?
EH: Klar. Meine Eltern wollten immer dass ich Lehrer werde. Aber der Job in der Schule ist – wenn man ihn ernst nimmt – extrem anspruchsvoll und erfüllend. Dann hat man kaum Zeit für eigene Arbeiten.

EdK?: Was bekommst du am häufigsten zu hören, wenn du jemandem fremden erzählst, dass du Künstler bist?
EH: „Und was machst du beruflich?“
EdK?: Welcher Künstler wird deiner Meinung nach maßlos überschätzt und warum?
EH: Vielleicht Gerhard Richter. Ich finde seine Fragestellungen innerhalb der Malerei extrem bourgeois und old fashioned … boring.
EdK?: Du hast ja lange z.B. in New York und L.A. gelebt und bist jetzt wieder in deiner Heimat Neuwied. Wo hat es dir bis jetzt am besten gefallen?
EH: Ich bin extrem vergesslich. Daher gefällt es mir glaube ich gerade in Neuwied am besten. Man kann hier unglaublich viel entdecken, weil so wenig schon vor einem entdeckt wurde. Zum Beispiel das riesige alte Industriegelände Rasselstein, wo ich jetzt mein Atelier habe. Da wären in LA schon mindestens fünf Staffeln von „The Walking Dead“ produziert worden.
EdK?: Beschreibe deine Arbeit. Was macht deine Kunst einzigartig und zu deiner Kunst?
EH: Einzigartig klingt so hochtrabend, aber jedes Wort, das ich ausspreche ist einzigartig, indem es sich in einem speziellen Kontext befindet. So ist es auch mit Bildern. Man macht sie – oder lässt sie machen – und dann sind sie da – in einer einzigartigen Situation. Dazu gehört dann aber auch der Betrachter bzw. die Betrachterin. Also wenn zur Kunst nicht nur die KünstlerIn sondern auch die Situation und die BetrachterIn gehören, dann macht genau diese Mischung eine Arbeit einzigartig.

EdK?: Warum sind Horrorfilme für deine Kunst so wichtig?
EH: Weil ich sie gerne schaue. Schon immer. Vampire, Zombies etc. sind so unglaublich physisch. Es geht um Körperkontakt. Das spürt man bei einem guten Horrorfilm. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte Kunst machen wie Stephen King Geschichten schreibt. Bei ihm tritt dann etwas durch die Zeichen hindurch direkt in deine Magengrube.
EdK?: Ein wichtiges Thema in deiner Kunst scheint die Kommunikation zwischen den Menschen – insbesondere zwischen Eltern und Kindern – zu sein. Warum hast du den Fokus auf genau diesen Kommunikationsraum gelegt?
EH: Mich fasziniert Kommunikation. Warum verstehen sich Menschen? Welche Zeichen verwenden sie dafür? Alles wäre so einfach, wenn man einfach in die Köpfe gucken und Gedanken lesen könnte. Weil das aber nicht geht, müssen wir dauern raten, was der andere mit seinen Zeichen meint. Und daraus entwickelt sich eine ganze Kultur. Witze, Drohungen, Flirts whatever. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist ein besonders anschauliches Beispiel. Alles ist versteckt aufgeladen. Ich habe selbst Kinder und weiß wovon ich spreche.
EdK?: Wie wichtig sind soziale Medien für dich und deine Arbeit?
EH: Facebook ist mir zu oll. Da geht es nur noch um vermisste Hunde und Lesungen in Pirmasens. Und Instagram habe ich erst vor ca. einem Jahr während Corona für mich entdeckt. Ausstellungen wurden abgesagt und Instagram bot eine Möglichkeit weiterhin sichtbar zu bleiben. Ganz einfach über Bilder kommunizieren. Ich habe dann angefangen, extra dafür kleine Clips zu produzieren. Macht Spaß.
EdK?: Was ist deine persönliche Lieblingsarbeit von dir selbst?
EH: Ich mag immer noch eine ältere aber ziemlich anstrengende Arbeit, die ich 2007 für den Kunstverein in Bonn gemacht habe: „A Natural History of Default Concepts“. Mit Bambus und Türklinken von Ludwig Wittgenstein, eine lustige und visuell überzeugende Installation. Aber irgendwie nur für mich. Niemand hat was dazu gesagt. Daher habe ich sie vor zwei Jahren noch mal remixed und in Düsseldorf gezeigt. Diesmal war’s besser. Manchmal brauchen die Dinge etwas Zeit. Mit Mitte zwanzig war das alles etwas zu altklug.
EdK?: Gibt es Arbeiten von dir, die du gar nicht magst?
EH: Einige. Und die vergesse ich dann sofort wieder. Egal wie aufwändig sie waren.
EdK?: Der beste Ort und der beste Zeitpunkt um Kunst zu erleben?
EH: Vormittags, während der Woche, im Kolumba Museum in Köln.
EdK?: Wo würdest du deine Kunst am liebsten sehen wollen?
EH: Genau dort. Oder mitten auf dem Luisenplatz in Neuwied.
EdK?: Wie läuft der Entstehungsprozess bei deinen Werken ab?
EH: Der Entstehungsprozess ist leider meistens total unspektakulär. Die Idee für diese Negativ Skulpturen kam mir tatsächlich bei einer Folge von „The Walking Dead“, als Rick und sein Sohn einen heftigen Streit hatten. Man sah die Gesichter im Profil und irgendetwas passierte da zwischen diesen Personen / Figuren. Es war kitschig und gleichzeitig extrem präsent. Solche Momente versuche ich dann immer herauszufiltern und zu rekonstruieren. Manchmal entwickeln sie dann ein Eigenleben.

EdK?: Was würdest du Leuten raten, die in der Kunstszene Fuß fassen möchten?
EH: Als KünstlerIn? Geh an eine gute Kunstschule. Als KuratorIn? Geh an eine gute Kunstschule. Kunstmachen ist kein Hobby, sondern streng akademisch.
EdK?: Jetzt noch eine Frage, die ich allen hier stelle: Was ist Kunst für dich?
EH: Eine kulturelle Praxis. Mehr Handlung als Ergebnis. Und Kunst kann man auch recht klar definieren – entgegen aller Unkenrufe.
Weitere Infos:
Elmar Hermanns neue Ausstellung „Verwandlungsmöbel“ im Roentgen Museum Neuwied: https://www.kreis-neuwied.de/kv_neuwied/Roentgen/Veranstaltungen/Verwandlungsm%C3%B6bel/
Elmar Hermanns Website: http://elmarhermann.net/
